Ludwigsburg¾ Mit dieser Frage setzten sich 120 TeilnehmerInnen im Rahmen der ersten Pflegekonferenz im Klinikum Ludwigsburg auseinander. Die Veranstaltung wurde von der Gemeinschaft zur Förderung der Krankenpflege e.V. (GFK) organisiert. Ziel war einen Theorie-Praxis-Transfer darzustellen. Die anregenden Referate und Diskussionen wurden von den Anwesenden durchweg positiv beurteilt.
Gerd Bekel aus Cloppenburg, Krankenpfleger, Lehrer für Pflegeberufe, Sozial- und Politikwissenschaftler hielt das Einführungsreferat.
Bekel stellte fest, daß Pflegetheorien in der deutschen Pflegepraxis einer steigenden Beliebtheit erfreuen. Ihnen wird das Potential zugesprochen, grundlegende Veränderungen in der Pflegepraxis zu bewirken. Vielfach wird dabei jedoch die Komplexität eines solchen Unterfangens unterschätzt. In seinem Referat wurden verschieden Fragestellungen bearbeitet, die einen vertiefenden Einblick in die Anwendung der Pflegetheorie von Dorothea E. Orem ermöglichen.
· Warum benötigen Personen die Dienstleistung der Pflege?
· Welche Abgrenzungen lassen sich zwischen der Pflege und anderen Gesundheitsfachberufen darstellen?
· Was ist der Gegenstand aller beruflich pflegerischen Bemühungen?
· Welche Konzepte erklären die Strukturen des Pflegeberufes?
Die Antworten auf diese Fragen führten direkt zu den einzelnen Konzepten der Selbstpflegedefizit-Theorie von Orem. Im Zentrum stand der Blick auf die tägliche Pflegepraxis.
Im Sommer 1997 wurde mit der Einführung theoriebasierter Pflege im Zentralkrankenhaus "Links der Weser", Bremen, begonnen. Edith Panthen, Pflegedienstleitung der Innere Medizin, beschrieb die Gründe der Krankenhausleitung, die ausschlaggebend waren für die Einführung theoriebasierter Pflege nach D.E. Orem, wobei auch die Veränderungen, die sich im Krankenhaus nach Inkrafttreten des Gesundheitsstrukturgesetzes ergaben, mit dazuzählten.
Ziel ihres Vortrages war es, die Notwendigkeit der Einführung einer theoriebasierten Pflege aufzuführen und die Erfahrungen aus der Sicht der Pflegedienstleitung darzustellen. Ihr Fazit: Theoiebasierte Pflege ist nicht nur wichtig für Patienten und deren Angehörige, sondern auch für die Pflegenden, für das Krankenhaus und besonders auch für den Berufsstand Krankenpflege in der Gesellschaft.
Das von Frau B.Kiesling, Kinderkrankenschwester, Projektleitung am Zentralkrankenhaus "Links der Weser " in Bremen, vorgestellte Projekt sollte einen Prozeß im Pflegealltag zu fördern, der Pflegende motiviert und befähigt, ihre jeweiligen pflegerischen Aktivitäten auf der Grundlage einer gemeinsamen fachlich fundierten Inhaltsperspektive zu strukturieren und mittels Beschreibung eines spezifischen Handlungs- und Kompetenzrahmens zu legitimieren. Die gewählte Perspektive reflektierte umfassend die einzelnen Konzepte der "Selbstpflegedefizit-Theorie". In ihrem Referat wurden die verschiedenen Ebenen und Schnittstellen einer fachlichen Entwicklung im Rahmen des Theorie-Praxis-Transfers reflektiert und an Beispielen aufgezeigt.
Hans-Georg Lipp, Leitung IBF, DIAKO, Bremen, skizzierte das Projektdesign für die betriebsbasierte Entwicklung der Pflege mit dem Ziel, im DIAKO die Pflege zu Strukturieren und Systematisieren. Mehrere Theorieansätze wurden eruiert, wobei man sich letztlich für die Selbstpflegedefizit-Theorie von D.E. Orem als Grundlage pflegerischen Handelns entschied.
Die Zielvorgaben des Krankenhauses schufen die Legitimation zur innovativen Veränderung der Krankenpflege, die eine theoriebasierte Basis benötigte. Schulungskonzepte wurden erarbeitet und auf Erfordernisse des Hauses abgestimmt.
In Grundseminaren wurden pflegende Mitarbeiterlnnen von zunächst sechs Projektstationen umfassend geschult. Es folgten dann weitere zehn Stationen, die intensiv betreut wurden und werden. Projekte wie das Erstellen von Standards, Rehabilitationshilfen für Patienten sowie Seminare begleiten das pflegerische Vorhaben. Das Projekt macht als ein Ergebnis unter anderen deutlich, daß Orems Selbstpflegedefizit-Theorie (SPDT) pflegerisches Handeln reformiert. Es zeigt sich eine Handlungsorientierung und das Aufheben ritualisierter Problemorientierungen. SPDT zeigt sich in der Umsetzung auch als Herausforderung, da sie sich nicht nur auf den direkten stationären Alltag beschränkt, sondern Klärung von Kompetenzen, Schaffung gültiger Kommunikationsstrukturen und Mitsprache bei der Gestaltung des Patientenumfeldes fordert.
Lipp behandelte dieses Thema aus betrieblicher Sicht. Die am häufigsten gestellte Frage innerhalb des Pflegeprojektes ist "Was bringt dem Krankenhaus als wirtschaftticher Betrieb, dem Pflegenden und den Patienten eine strukturierte Pflegeerfassung nach dem Pflegemodell von D.E. Orem?"
Anhand der Projekterfahrung und der erfolgten Projektevaluation wurde aufgezeigt, in welcher Weise und in welchem Umfang die Strukturierung und Systematisierung der Pflege auf die Patientenbetreuung, Patientenzufriedenheit, Pflegequalität, Mitarbeiterlnnenmotivation und Arbeitsorganisation Einfluß nimmt.
Betrachtungen aus der Perspektive der Station schilderte D. Hermann, Krankenpfleger und Stationsleitung, Innere Medizin, DIAKO, Bremen außerordentlich lebhaft und spannend. Hermann beschrieb die Umsetzung aus der ersten Projektphase und visualisierte die großen Herausforderungen an das Stationsteam - standen sie doch vor der Aufgabe, die erarbeiteten theoretischen Strukturformen praktisch in der täglichen Arbeit sinnvoll zu nutzen.
Diese Aufgabe stand konträr dem bisherigen Stationsablauf und Verfahrensweisen im Umgang mit Patientensituationen gegenüber. Er zeichnete die einzelnen Umsetzungsschritte im Team nach und stellte Entscheidungskriterien dar, die eine systematische Nutzung der erarbeiteten Konzepte ermöglichten.
Anna Harbusch, Pflegedienstleitung, Haus Remberti, Bremen, beschrieb die "Systematisierung der Pflegepraxis eines Altenheimes und die Auswirkungen auf die Eingruppierungen nach dem Pflegeversicherungsgesetz".
Nach Inkrafttreten der Pflegeversicherung wurden die Mitarbeiter der Einrichtung in besonderer Weise gefordert - war doch die Mehrzahl nicht in ausgebildet worden. Die Pflegeplanung wird jedoch zur Legitimation der Pflege bei Bewohner gefordert.
Da für die Umsetzung der Qualitätskriterien nach dem Pflegeversicherungsgesetz grundlegend neue Wege in der Pflege von Bewohnern gegangen werden mußten, entschied man sich für ein umfassendes Schulungsprogramm, um unter anderem auch die Entwicklung eines adäquaten Planungsinstrumentes voranzutreiben.
Harbusch bearbeitete Themen wie
· Gründe für den Einsatz der Selbstpflegedefizit-Theorie
· Veränderungen in der Praxis durch den Einsatz der Theorie
· Herausforderungen für Mitarbeiter und Bewohner
· Umgang mit dem Medizinischen Dienst bei der Begutachtung von Bewohnern
· Verknüpfung von analysierten Problemen und Datenverarbeitung.
Bekel stellte in seinem Abschlußreferat fest, daß die Pflegeplanung in langsamen Schritten Einzug hält in die deutsche Pflegepraxis. Kaum ist sie sinnvoll ausgestaltet, da wird sie bereits durch ein neues Konzept abgelöst. Oder handelt es sich bei den neuen Konzepten lediglich um die logische Fortentwicklung eines neuen Tätigkeitsfeldes.
Nach Inkrafttreten der Pflegeversicherung wurde deutlich, daß eine systematische Einschätzung der Situation von Patienten notwendig ist, um sinnvolle Maßnahmen zur Regulierung der Situation einzuleiten und auszuführen.
Bekel zeigte in seinem Referat die neuen Herausforderungen für die Pflege im Rahmen der pflegerischen Diagnostik und Abgrenzungen zu bestehenden Konzepten der Pflegeplanung auf. Er ging insbesondere auf die Pflegediagnostik im Rahmen der SPDT ein. Für die Pflegenden bedeutet dies ein völlig neuer Umgang mit der Analyse ihrer Praxissituation. Ist doch Mittelpunkt dieser Aufgabe die Verknüpfung von handlungsbezogener Situationsanalyse und klarer Beschreibung verschiedener Regulationsmechanismen.
An Beispielen demonstrieren Bekel das Wechselspiel zwischen "Situativer Problematik" und "Situativem Selbstpflegebedarf'.
Karl Gerhardt. Bahnhofstr. 113. 88427 Bad Schussenried. Die GFK erstes europäisches, institutionelles Mitglied der International OREM Society for Nursing Science and Scholarship (IOS) mit Sitz in Columbia, Missouri, USA.